Thriller | Raffinierte Psychospannung von dem Autor des Bestsellers »Anna O.«
von Matthew Blake
Zum Inhalt
Was, wenn eine Erinnerung dich das Leben kosten kann?
Olivia Finn, Gedächtnisexpertin an einem Londoner Krankenhaus, erhält einen merkwürdigen Anruf aus Paris: Ihre Großmutter Josephine ist im berühmten Hotel Lutetia aufgetaucht und behauptet, sie heiße eigentlich Sophie und habe hier vor Jahrzehnten einen Mord begangen. Olivia reist sofort nach Paris, um sich um die scheinbar verwirrte Josephine zu kümmern. Doch diese besteht darauf, dass sie eine verlorene Erinnerung wiedererlangt hat und die Wahrheit sagt. Als Josephine wenig später ermordet wird, ist klar: Jemand möchte verhindern, dass die Vergangenheit ans Licht kommt. Olivia muss sich fragen: War ihre Großmutter wirklich eine Mörderin? Und was hat das Ganze mit Olivias eigenen traumatischen Erinnerungen zu tun?
#SophieL #NetGalleyDE
Im Vergleich zu Anna O hat mir Sophie L von Matthias Blake deutlich besser gefallen. Der Roman entfaltet sich in einem eher ruhigen, aber durchweg spannenden Erzähltempo und arbeitet gekonnt mit Perspektivwechseln sowie Zeitsprüngen zwischen den Jahren 1945 und 2025. Dabei wird schnell klar: Die Vergangenheit ist allgegenwärtig – und Erinnerungen sind nicht immer verlässlich. Die zentrale Frage „Was ist wahr und was trügt?“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.
Im Mittelpunkt steht Olivia, eine Gedächtnisexpertin, die nach Paris reist, nachdem ihre Großmutter Joséphine überraschend einen Mord gestanden hat. Vor Ort gerät sie immer tiefer in ein Geflecht aus widersprüchlichen Erinnerungen, Verdächtigungen und ungelösten Geheimnissen. Besonders spannend ist dabei, wie wissenschaftliche Aspekte rund um das menschliche Gedächtnis in die Handlung eingebunden werden und zusätzliche Tiefe schaffen.
Die Figuren wirken insgesamt deutlich ausgearbeiteter als im vorherigen Werk des Autors und gewinnen durch ihre persönlichen Hintergründe an Glaubwürdigkeit, auch wenn stellenweise noch etwas mehr Tiefe möglich gewesen wäre. Besonders gelungen sind die verschiedenen Erzählstränge, die mit jedem Perspektivwechsel neue Verdachtsmomente eröffnen und die Spannung konstant aufrechterhalten.
Der Schreibstil ist ruhig und atmosphärisch dicht. Vor allem die Beschreibungen des Pariser Nachkriegssettings stechen hervor: Die elegante Welt eines Luxushotels trifft hier eindrucksvoll auf die harte Realität der Überlebenden der Konzentrationslager. Dieser Kontrast verleiht dem Roman eine besondere Intensität und emotionale Tiefe.
Allerdings braucht die Geschichte etwas Zeit, um richtig in Fahrt zu kommen, und die Auflösung am Ende wirkt leicht überhastet. Zudem bleibt die Entwicklung der Beziehung zwischen Tom und Olivia etwas unbefriedigend und hätte mehr Raum verdient.
Trotz kleiner Schwächen ist Sophie L eine klare Steigerung zu Anna O.. Die originelle Verbindung von Gedächtnisforschung, Kriminalfall und historischer Dimension sowie die markante Covergestaltung sorgen für einen hohen Wiedererkennungswert. Insgesamt ein lesenswerter Roman, der durch seine besondere Atmosphäre und thematische Tiefe überzeugt.
